Montag, 9. September 2019

Simultaneum mixtum in Goldenstedt - Vorbild für ökumenische Gottesdienste

In St. Gorgonius Goldenstedt kam es nach der Reformation zu einem bis heute vorbildlichen liturgischen Kompromiß in Sachen katholisch-protestantischer Ökumene: Von 1650 bis 1850 feierten Katholiken und Protestanten hier simultan die Sonntagsmesse / den Sonntagsgottesdienst. Simultankirchen gab und gibt es ja mehrere, aber mir ist kein zweites Bespiel bekannt, daß beide Konfessionen nicht nur das Gotteshaus gemeinsam behielten, sondern auch liturgisch zusammenblieben. 

Die nähere Geschichte und vor allem der liturgische Ablauf wird hier beschreiben. Es ist eine vollständige Messe, bei der die Protestanten dem Sakramentsgottesdienst still beiwohnten. 

Voraussetzungen für diese Art des ökumenischen Gottesdienstes sind anscheinend ein katholischer Priester und ein protestantischer Küster. ;-)

Näheres zu dem ebenfalls seltenen Patron St. Gorgonius (Gedenktag: 9. 9.) findet sich hier

Gorgonius ist der erste Patron des Mindener Doms. Obwohl Goldenstedt bis ins 17. Jahrhundert zum Bistum Osnabrück gehörte, war das Bistum Minden hier prägend; die Bistumsgrenze lag nur 15 km entfernt. 

Im Bistum Osnabrück wurde (in der Nachfolge des untergegangenen Bistums Minden) St. Gorgonius (bis 1914) auch eigens gefeiert, und zwar nicht als "simplex", sondern als "semiduplex".

Montag, 22. Juli 2019

"Liturgie" König Friedrich Wilhelms III. für die (alt-) preußische Union

Eigentlich nicht passend für diesen Blog, da man hier nicht von einer liturgischen Preziose sprechen kann, seien doch die folgenden Verweise mitgeteilt.

König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, verfügte als "episcopus" der Protestanten in seinem Reich die "Union" seiner, wie er es nannte, "evangelischen" Untertanen. Das war natürlich ein heikles Unterfangen, denn die Lutheraner standen den Katholiken viel näher als die (und den) Reformierten.

Die theologische Lösung seines Befehls überließ er den Professoren. Die "Liturgie" entwarfen Seine Majestät höchstselbst. 

Irgendwie liegt natürlich die Messe zugrunde. Eine der "bemerkenswerten" Eigenheiten sind z. B. die Fürbitten an der Stelle, wo der "normale Glaube" den Meßkanon erwartet. Andererseits ordnete der König an, daß der Geistliche "in priesterlichen Gewändern" an den Altar zu treten habe. Bei Interesse bitte hier selbst weiterforschen:


Freitag, 21. Juni 2019

Sequenz zu Weihnachten

Grates nunc omnes
reddámus Dómino Deo
qui sua nativitáte
nos liberávit de diabólica potestáte.
Huic opórtet ut canámus cum ángelis,
semper sit glória in excélsis.

Dank mögen wir nun alle
sagen Gott, dem Herrn,
der durch seine Geburt
uns befreit hat aus der teuflischen Macht.
Ihm gebührt, daß wir singen mit den Engeln:
Immer sei Herrlichkeit (ihm) in den Höhen!

Mittwoch, 29. Mai 2019

Vigilmesse zu Christi Himmelfahrt

Das Missale Romanum von 2002 - die editio typica tertia des Meßbuchs Pauls VI. von 1969/70 - sieht wieder eine Vigilmesse zu Christi Himmelfahrt vor.

Deren im Missale gebotenen Gesänge sind:

Antiphona ad introitum 
Regna terræ, cantáte Deo, psállite Dómino,
qui ascéndit super cælum cæli;
magnificéntia et virtus eius in núbibus, allelúia. (Ps 67, 33.35)

Ihr Reiche der Erde, singt Gott, psallieret dem Herrn,
der aufgestiegen ist über den Himmel der Himmel;
seine Hoheit und Macht (reicht bis) in die Wolken, halleluja.

Antiphona ad communionem 
Christus, unam pro peccátis ófferens hóstiam,
in sempitérnum sedet in déxtera Dei, allelúia. (Cf. Hebr 10, 12)

Christus, ein einziges Opfer für die Sünden darbringend,
sitzt auf ewig zur Rechten Gottes, halleluja.


Beide Gesänge bietet das "reformierte" Graduale Romanum nicht. Darum hier - und die weiteren Teile ergänzend - die Gesänge der traditionellen Vigilmesse zum Fest im aktuellen Graduale, die freilich größtenteils die des vorangehenden Sonntags sind. (Siehe auch hier.)

IN: Vocem jucunditatis - S. 229

ALL 1: Surrexit - S- 230 
(Beim ersten Alleluja, das Graduale in der Osterzeit, wird das erste "Alleluja" nicht wiederholt. Das Graduale Romanum von 1974 gibt übrigens für die Wochentage der Osterzeit, d. h. für die Messen mit nur einer Lesung, nur einen Allelujagesang nach der Lesung an. Vermutlich wird die 2002 wiedereingeführte Vigilmesse zu Christi Himmelfahrt zwei Lesungen plus Evangelium haben; mir liegt aber kein aktuelles Lektionar vor.)

ALL 2: Exivi - S. 230

OFF: Benedicite gentes - S. 231

CO: Cantate Domino, all. - S. 222

Liturgisches Unterholz 3

Zur Messe am Mittwoch der 6. Osterwoche (5. Woche nach Ostern), d. h. am Vigiltag von Christi Himmelfahrt findet sich folgende Rubrik im Missale des heiligen Johannes XXIII.:

Wo die Verpflichtung zum Chorgebet besteht, werden heute, wenn ein Duplex-Offizium zu feiern ist - nicht nur eines der 1. Klasse, auch ein Semiduplexfest - drei Konventmessen gelesen ("dicuntur"), die erste nach der Terz vom Offizium des Tages, die zweite nach der Sext von der Vigil, die dritte nach der Non von den Bittagen zur Prozession gemäß den Rubriken.
Wenn keine Prozession stattfindet, wird die Messe von den Bittagen in der Vigilmesse kommemoriert.
Wenn aber ein Offizium Duplex 1. Klasse zu halten ist, wird das der Vigil nicht gefeiert ("non fit"), sondern nur das von den Bittagen.
Wenn jedoch das Offizium von der Vigil zu halten ist, wird davon die Konventsmesse gelesen ("dicitur"); doch fällt, wenn die Prozession gehalten wird, die Bittmesse nicht aus.

Siehe dazu den Nachtrag aus Osnabrück hier.

Dienstag, 28. Mai 2019

Bittprozession und Bittmesse

IN LITANIIS MAJORIBUS ET MINORIBUS


Die drei Tage vor Christi Himmelfahrt wurden auf Anordnung des heiligen Bischofs Mamertus von Vienne (5. Jahrhundert) als Buß- und Bittage begangen, um die durch vielerlei Unglücksfälle gebeugten Christen geistlich aufzurichten. Dieser Brauch verbreitete sich schnell in der ganzen Kirche, die die Bittage am Ende des 8. Jahrhunderts offiziell übernahm.


Der Sinn der Bittage mit ihrer Prozession und dem eigenen Meßformular ist es, Gott um seinen Segen über die Gärten, Felder und Wälder zu bitten. Angesichts des kräftigen Frühlingswachstums vergessen wir nicht, daß die Ernte durch Frost und Hagel u.a. gefährdet ist. Wir sind trotz aller Technik und allem Fortschritt abhängig von der Natur. Auch dürfen wir uns Ihm mit unserem ganzen Leben anvertrauen: Er schenkt uns „unser tägliches Brot“, das heißt alles, was wir zum Leben und Glauben brauchen.


Vertrauensvoll und demütig wenden wir uns zu Gott, dem Geber alles Guten und flehen auch die Heiligen um ihre Fürbitte bei Gott an. (Aus dem "Schott"; siehe auch hier und hier.)


Von Montag bis Mittwoch vor Christi Himmelfahrt begeht die Kirche die Bittage. Der Sonntag davor heißt bei Protestantens (abweichend vom Introitus "Vocem jucunditatis") "Rogate" ("Bittet!"). Sie wollten also trotz Abschaffung der (Werktags-)Messe nicht auf die Bittage verzichten.


Freunde der Tradition stutzen bei diesem Brauch, der aus dem 5. Jahrhundert stammt: Wieso soll mitten in der österlichen Freudenzeit gefastet, gekniet, auf das Gloria verzichtet und violett getragen werden?


Die Not muß schon sehr groß oder das Frühmittelalter sehr dunkel gewesen sein, als man diese Bußtage in die Osterzeit einfügte. Die Römische Kirche hat sich immerhin noch 300 Jahre dagegen gewehrt.


Das Meßbuch 1969/70 sieht an diesen Tagen auch keine Bittmesse mehr vor; die Tage haben - wie alle anderen Wochentage der Osterzeit - eigene Meßformulare und Lesungen bekommen, die nichts mit den Bittagen zu tun haben. Man kann natürlich aus den Messen "Pro variis necessitatibus" wählen. 


Auch das Graduale Romanum von 1974 bietet keine "österliche" Bittmesse mehr, wohl aber unter den "Missæ ad diversa" solche "In diversis circumstantiis publicis", unter denen sich "Bittmessen" befinden.


Es sieht so aus, daß man bei der Liturgiereform ganz froh war, sich dieses Fremdkörpers in der Osterzeit entledigen zu können.


Und dennoch: Gerade weil es eigentlich nicht paßt, ist diese Tradition ja so schön. Und darum haben gerade die jüngeren Christen die Bittage wieder entdeckt, freilich ganz postmodern und echt katholisch ohne das Fasten.



PRAKTISCHE VORSCHLÄGE ZU DEN BITTMESSEN im Ordo Paulinus:


Die Bittprozession geht klassisch der Messe voraus. Konstitutiv ist die Allerheiligenlitanei, die durch weitere Gesänge und Gebete ergänzt werden kann. Die Litanei ersetzt im Ordo Paulinus das Kyrie und die Fürbitten der Messe.


Die Prozession wird mit dem Kreuzzeichen und dem liturgischen Gruß eröffnet. Sie schließt – ohne Bußakt – mit dem Tagesgebet der Messe ab. 


Vorschläge für Gebete und Gesänge für die Prozession und die Messe findet man hier:


Gesänge zur Bittprozession und zur Bittmesse


Die Messe wird in violetter Farbe und ohne Gloria gefeiert.


Das deutsche Meßbuch bietet zu den Bittagen eigene Meßformulare, die aus den "Missæ ad diversa" ausgewählt sind. (Zelebriert man auf Latein, liegen die Formulare 28, 30, ggf. 35-37 besonders nahe.)


Im Ordo Gregorianus werden in allen drei Bittmessen Jak 5, 16-20 und Lk 11, 5-13 gelesen. Will man im Ordo Paulinus nicht die Bahn-Lesungen nehmen, kann man z. B. diese auswählen:


Findet nur eine Bittmesse statt, nimmt man die fettgedruckten Schriftstellen und Gesänge. (Die Seitenangaben beziehen sich auf die alten Meßlektionare aus den 1980er Jahren.)


LESUNG:

Montag: Ausw. 3: Jak 5, 7-8.16c-18 (ML VIII, S. 241)

Dienstag: Ausw. 1: Phil 4, 6-9 (ML VIII, S. 203)

Mittwoch: Ausw. 2: 1 Tim 2, 1-8 (ML VIII, S. 141)


GRADUALE:

Alleluja "Confitemini" - Graduale 239

oder

GL 46, 1 oder 174, 7 + Ps 85 [84] (ML VIII, S. 299)

Ersatz: 

Montag: GL 428, 5 Dir will ich Dank bezeugen

Dienstag: GL 403, 2-4 Ermuntert euch und singt ...

Mittwoch: GL 144, 2.3 Erkennt, daß Gott ist unser Herr


V. D. EVANGELIUM: GL 175, 2 + entsprechender Vers

oder

Montag: Ausw. 3: Eph 1, 3 (ML VIII, S. 300)

Dienstag: Ausw. 1: 1 Chr 29, 10b.11b (ebenda)

Mittwoch: Ausw. 2: Ps 33 (32), 22 (ebenda)


EVANGELIUM:

Montag: Ausw. 3: Lk 11, 5-13 (ML VIII, S. 300)

Dienstag: Ausw. 1: Mt 6, 31-34 (ML VIII, S. 230)

Mittwoch: Ausw. 2: Mt 7, 7-11 (ML VIII, S. 283) 



Die Fürbitten werden nur gebetet, wenn die Litanei nicht gesungen wurde:


FÜRBITTEN IN DER BITTMESSE


Lasset uns beten zu Gott,

in dem wir leben, uns bewegen und sind,

um eine gute Ernte und günstige Witterung. *


1 Daß er seine ganze heilige Kirche

für seine Ernte am Ende der Zeit bereite. *


2a Daß er unser Land

vor allem Schaden bewahre. *


2b Daß er in den Herzen aller

die Dankbarkeit für seine Gaben erwecke und erhalte. *


2c Daß er alle Menschen

zum rechten Gebrauch seiner Gaben führe. *


3 Daß er den Darbenden

helfende Liebe sende. *


Daß er uns Regen und Sonnenschein

zur rechten Zeit gebe,

uns vor Blitz, Hagel und jeglichem Unwetter behüte

und uns eine gute Ernte und das tägliche Brot gebe. *


P Herr, unser Gott,

reiche deinen Gläubigen vom Himmel her

deine hilfreiche Hand,

damit wir dich von ganzem Herzen suchen

und empfangen, was wir in rechter Weise erbitten. 

Durch Christus, unseren Herrn.

Montag, 22. April 2019

Zwei Gebete zur Taufwasserweihe in der Osternacht

Im Missale Pius V. finden sich in der Feier der Osternacht zwei schöne Gebete zur Taufwasserweihe:  

1. Zu Beginn, vor dem eigentlichen Weihegebet:
Omnípotens sempitérne Deus,
adésto magnæ pietátis tuæ mystériis,
adésto sacraméntis;
et ad recreándos novos pópulos,
quos tibi fons baptismátis párturit,
spíritum adoptiónis emítte;
ut quod humilitátis nostræ geréndum est ministerio,
tuæ virtútis impleátur efféctu.
  
Allmächtiger, ewiger Gott,
steh (uns) bei durch die Geheimnisse deiner großen Milde,
steh (uns) bei durch die Sakramente;
und zu den wiederzuerschaffenden neuen Völkern,
die dir der Brunnen der Taufe gebären soll,
sende den Geist der Annahme aus,
damit das, was der Dienst unserer Niedrigkeit zu tun hat,
durch die Wirkung deiner Kraft erfüllt werde.

(Dieses Gebet ist übrigens leicht verändert ins Missale Pauls VI. übernommen worden.)

Dann folgt das lange, im Präfationston gesungene Weihegebet, während dessen der Priester das Wasser kreuzweise teilt, dann drei Kreuzzeichen darüber schlägt, es erneut kreuzweise teilt und in die vier Himmelsrichtungen vergießt, es kreuzweise anhaucht, dreimal die Osterkerze hineintaucht und dabei darum bittet, daß der Heilige Geist in das Wasser herabkomme, und es dann dreimal anbläst, daß es aufwalle. - Großer, archaischer Zauber!

Nach dem Weihegebet wird unter Gebeten Chrisam in das Taufwasser gegossen, dann folgt das Canticum Psalm 41 (42), 2-4: "Wie der Hirsch lechzt nach der Wasserquelle, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir..." - übrigens heißt es "Sicut cervus desiderat" und nicht "Quemadmodum desiderat cervus", wie es in der Vulgata heißt. Palestrina hat seinen Text also aus der Liturgie und nicht aus der gängigen Bibelübersetzung, und so steht er ja auch im Graduale.

Dann folgt dieses nicht ins Missale Pauls VI. übernommene Gebet:

2. Nach dem Canticum:
Omnípotens sempitérne Deus,
réspice propítius ad devotiónem pópuli renascéntis,
qui sicut cervus aquárum tuárum éxpetit fontem:
et concéde propítius,  
ut fídei ipsíus sitis, baptísmatis mystério,
ánimam corpúsque sanctíficet.
  
Allmächtiger, ewiger Gott,
schau gütig auf die Hingabe des wiederzugebärenden Volkes,
das wie ein Hirsch nach dem Brunnen deiner Wasser verlangt,
und gewähre gütig,
daß ihr Glaubensdurst durch das Geheimnis der Taufe
(sie an) Seele und Leib heilige.

Danach wird der Taufbrunnen inzensiert.